© Sabine Ibing, Lorib GmbH         Literaturblog Sabine Ibing
Autorin Sabine Ibing
»So früh zu erfahren (oder beigebracht zu kriegen, weil man es selbst noch nicht verstand), was einen wertloser, weil anders macht, blieb damals ohne Wirkung auf mich – wahrscheinlich deshalb, weil ich außergewöhnlich arrogant und ganz mit meinem kostbaren Selbst beschäftigt war.« Als erste farbige Frau hat Toni Morrison 1993 den Literaturnobelpreis erhalten. Toni Morrison, beschäftigt sich in diesem Essay mit dem Thema Rasse und Rassismus, zum Konzept des »Andersseins«. Ein Thema, das sich durch alle ihre Romane zieht. Ein wichtiges Thema für sie ist auch der Rassismus unter Farbigen selbst. Vor dem obigen Zitat beschreibt sie die Reaktion ihrer Urgroßmutter auf Toni und ihre Schwester, als sie die beiden erstmalig sieht, die Kinder waren schon größer, die Urgroßmutter war das absolute Familienoberhaupt. Sie zeigte mit dem Stock auf die Mädchen, sagte: »Diese Kinder sind verpfuscht worden.« Sie waren nicht schwarz genug. »Meine Urgroßmutter war teerschwarz, und meine Mutter verstand genau, was sie meinte: Wir, ihre Kinder, und damit unsere engste Familie, waren besudelt, nicht rein.« Doppelt diskriminiert, nicht weiß, nicht schwarz genug. 2016 hielt die damals 85-Jährige Schriftstellerin eine Vorlesungsreihe an der Harvard University zum Thema Rassismus und Literatur. Die sechs Texte der Vorlesungen liegen in diesem Buch hier als Essays vor. Toni Morrison versucht sich der Frage anzunähern, was Rasse ist. Eine schwierige Frage, zu der sie eine Menge Denkanstöße gibt. In »romantische Sklaverei« zitiert sie aus dem Tagebuch eines Arztes aus den Südstaaten, Vorstellungen zur damaligen Zeit, die unter die Haut gehen. Der Arzt diagnostizierte unter anderem bei Sklaven eine spezielle Krankheit namens »Dysaesthesia aethiopica«, eine mentale Lethargie, durch die »der Neger sich sein Leben lang in einem Halbschlaf« befinde. Und genau darum muss man diese Rasse zur harten Arbeit zwingen, damit sie nicht wild heranwachse, womöglich noch Unfug anstellen. Herr und Neger profitieren beide davon, win-win, klare Sache. Diese Auszüge lesen sich gruselig. Aber sie helfen zu verstehen. Niemand bekommt Rassismus in die Gene gelegt, Kinder sind grundsätzlich offen für alle anderen Kinder. Rassismus, Vorurteile, sind ein Teil der Erziehung, der Sozialisation. Natürlich beschäftigt sich Toni Morrison sich auch mit Texten wie »Onkel Toms Hütte«, zitiert Faulkner und Hemingway, ihren unterlegten Rassismus. Ein weites Thema, bei dem wir immer noch am Anfang stehen. »So etwas wie Rasse gibt es gar nicht« Was bedeutet es in den USA, nicht der weißen Rasse anzugehören? Auch dieses Thema nimmt sie auf. Wir alle sind Homo Sapiens, mehr nicht. Toni Morrison will Antwort finden, sie will aufzeigen, was sie erlebt hat, beobachtet hat. Sie gibt uns als Schlüssel ihrer Erlebnisse, ihrer Gedanken. Die Tür muss jeder für sich selbst aufschließen. Der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coateshat das Vorwort zu den Texten verfasst: »Wenn wir begreifen wollen, warum wir einmal mehr am Anfang stehen, können wir uns an Toni Morrison halten, eine der wichtigsten Schriftstellerinnen und Denkerinnen, die dieses Land hervorgebracht hat.« Weitere Rezension: Gott hilf dem Kind von Toni Morrison zeitgenössische Romane Krims und Thriller Historische Romane Fantasy, Fantastic, SciFi, Utopien Dystopien Sachbücher (für jedermann) Kinder- und Jugendliteratur
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Die Herkunft der anderen über Rasse, Rassismus und Literatur von Toni Morrison
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