© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der Anfang: »Ich mag den Polizeidienst. Die Regeln, die Strukturen. Und dass wir – jedenfalls meistens – auf der Seite des kleinen Mannes stehen.« Fiona Griffiths ist Polizistin aus Leidenschaft und sie ist intelligent, macht ihren Job außergewöhnlich gut. Darum wird sie in einer Spezialausbildung als Undercoveragentin ausgebildet. Sie muss isoliert leben, in der Nacht aufstehen, als Putzfrau ihren Dienst schieben, lernen, sich zu verwandeln, anzupassen, und tagsüber geht es ab in die Seminare. Eine harte Ausbildung. Allerdings ist Fiona etwas anders als andere Menschen, sie ist krank, hat das Cotard-Syndrom, das wahrscheinlich durch ein traumatisches Erlebnis in frühster Kindheit entsteht. Leichte Depressionen und reizunabhängige Sinneswahrnehmungen gehören zu den Auswirkungen, die Betroffenen halten sich manchmal für tot. Nachteilig für Fiona sind Depressionsschübe, dagegen nimmt sie Medikamente, Vorteil, sie kann sich mental mit der Person identifizieren, die sie spielen muss. »Der Kurs ist vorbei. Am Anfang waren wir zwanzig. Zwölf haben die Gruppe vorzeitig verlassen – vermutlich, weil sie halb durchgedreht sind  und zu Hause angerufen haben, nur um eie bekannte Stimme zu hören. Und damit war der Kurs beendet. Von den acht, die am Ende noch übrig sind, bestehen nur drei die Prüfung. Eine davon bin ich.« Eine Gruppe von Unbekannten manipuliert ein Lohnabrechnungsprogramm, das in gesamt Großbritannien bei großen Unternehmen eingesetzt wird, zockt fette Beträge ab. Wer steckt dahinter und wie arbeiten sie? Fiona ermittelt undercover. Das ist im Prinzip die Handlung. Diesen Krimi fand ich unter diversen Aspekten absolut interessant. Punkt eins: Die Spannung, die den Leser am Stoff hält, aber das setzt man eigentlich voraus. Zweitens das Thema, es ist neu. Früher machte man die Buchhaltung mit der Hand, oft kannte man jeden einzelnen Mitarbeiter, jeden Vorgang. Heute sitzt jemand in Indien und regelt die Buchhaltung für sämtliche Mitarbeiter und Vorgänge, die weltweit verteilt sind, alles online. Wenn man sich mit den Algorithmen und Prüfverfahren auskennt, ist es sicherlich möglich, ein millionenschweres digitales Verbrechen zu begehen. »›Sind also beispielsweise mehrere Angestellte‹, erklärt Kevin, ›einer einzigen Adresse oder Bankverbindung zugeordnet, werden wir sofort misstrauisch. Dasselbe gilt für Abrechnungen ohne Steuerabzug oder ungewöhnlich hohe Zahlungen für Überstunden. Womit es sich also durchaus um ein sehr genaues Datenaudit handelt.‹« Und wenn nun reale Personen, die allerdings gar nicht mehr arbeiten, Gehalt auf ihr Konto beziehen, dann fällt das nicht auf. Erst, wenn diese Personen tot sind, ermordet. Fiona muss ihre Rolle spielen, sich bei einer Firma bewerben, an die Hintermänner herankommen. Aus Fiona Griffith wird Fiona Grey. Grey braucht ein anderes Outfit, Fiona schneidet nun ihre Haare selbst. »Also drückte Brattenbury mir hundertsechzig Pfund in die Hand und schickte mich zu Primark. … Alles, was sich waschen ließ, wanderte zusammen mit einer kräftigen Dosis Bleichmittel mindestens fünfmal in die Maschine. Ich kaufte Schuhe im Secondhandshop und bei eBay, beide Paare zusammen für unter drei Pfund.« Fiona ist nun in Cardiff, jeglicher Kontakt zu ihrer Außenwelt ist abgeschnitten: Lebenspartner, Familie, Freunde. Ihre neue Wohnung wird von der Polizei abgehört, Kameras sind installiert. Und gleich, als sie Kontakt mit den Betrügern findet, überwachen auch diese Fionas Apartment, stellen die Kollegen fest. Doppelte Überwachung, ihr bleibt nur das WC und eine kleine Ecke im Schlafzimmer, die sie für sich allein hat. Eine harte psychische Belastung. Niemand weiß, wie lange der Job dauern wird. »Das Schwierigste an einer verdeckten Ermittlung ist der Stress. Die Isolation, die ständige Angst und das Risiko aufzufliegen. In meiner Welt ist das aber immer so. Ich habe Schlafprobleme. Isolation bin ich gewohnt. Für mich ist das der Normalzustand, den ich nur mit Mühe vermeiden kann.« Mit der Verwandlung von Fiona Griffith in Fiona Grey erfahren wir immer mehr über Fiona, ihre inneren Konflikte, der dritte Punkt für den Roman: Ich erfahre etwas über Undercovertätigkeit. Der vierte Pluspunkt: Ich lerne etwas über mir eine bis dato unbekannte Krankheit. Insgesamt ein Krimi mit völlig neuen Aspekten. Die Icherzählerin fokussiert einmal sehr breit über Ereignisse und Fachinformation und in der Innenansicht tief in die Figur. Wales, triste Städte, schlechtes Wetter, schlecht bezahlte Jobs. Fiona nimmt sich auch hier zusätzlich eine Putzstelle zu ihrem Lohnbuchhalterjob, um überleben zu können, glaubwürdig zu sein. Ein ungewöhnlicher Krimi, atmosphärisch dicht. »Harry Bingham stammt aus Wales. Er hat in Oxford Politik und Wirtschaft studiert, sich danach bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit dem ökonomischen Wiederaufbau Osteuropas beschäftigt und schließlich eine Karriere bei J.P. Morgan in der Abteilung für Mergers & Acquisitions abgebrochen, um Bücher zu schreiben.« Ein Autor, der sich mit seinem Thema auskennt, was auch glaubwürdig, technikaffin transportiert wird. Ich würde gern mehr über Fiona Griffith lesen! Absolute Empfehlung meinerseits. zurück alle Rezensionen Thriller / Krimi Literaturblog Sabine Ibing
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben Krimis / Thriller Rezension
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Fiona Als ich tot war von Harry Bigham