© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der erste Satz: »Ich stell mir gerne vor, dass ich weiß, was der Tod ist.« Jojo und Kayla sind Geschwister, er ist dreizehn, sie ist drei. Sie wohnen mit ihrer Mutter Leonie bei Mom und Pop, Leonies Eltern. Mom ist schwer krank, sie wird nicht mehr lange leben, liegt im Bett, der Krebs lässt sie dahinsiechen. Pop ist Besitzer einer kleinen Farm. Der Roman beginnt detailliert mit der Schlachtung einer Ziege an Jojos Geburtstag. Er soll Pop zur Hand gehen, lernen. Michael ist der Freund von Leonie, der Vater von Kayla, die eigentlich Michaela heißt. Er sitzt seit drei Jahren im Gefängnis wegen eines Drogendelikts und kommt nun frei. Leonie setzt die Kinder ins Auto, holt ihre Freundin Misty ab, deren Mann auch im selben Gefängnis sitzt, und sie fahren gemeinsam los, ihre Männer zu besuchen, bzw. abzuholen, nördlich, durch den Staat Mississippi. »Er meinte, seine Maman und sein Daddy sind den Behörden immer aus dem Weg gegangen, ham ihre Fragen nie richtig beantwortet, die Zahl ihrer Kinder falsch angegeben, die Geburten gar nicht beim Amt gemeldet. Die glaubten, sie wollten nur bei ihnen rumschnüffeln und sich Informationen besorgen, um sie unter Kontrolle zu bringen, um sie einzusperren wie Vieh. Deswegen haben sie das ganze offizielle Zeugs nich mitgemacht, sondern lieber nach den alten Sitten gelebt.« Jojo und Pop verstehen sich gut, Pop und Mom erzählen ihm Geschichten von damals. Wir erleben ein ärmliches Leben im Staat Mississippi, eine aufrechte farbige Familie, die sich bemüht, irgendwie durchzukommen, gute Erziehung, Bücher, Bildung sind wichtig. Die Generation von Leonie und Michael ist gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlten Jobs, Frust. Michael stammt aus einer weißen Familie, wohlhabender. Sein Vater, ein rassistischer Ex-Sheriff, ist ein harter Fanatiker, Leonie und Kayla dürfen sein Haus nicht betreten, es ist für ihn eine Katastrophe, dass sich sein Sohn mit einer Schwarzen eingelassen hat. »Obwohl Mam schwitzt, wirkt ihre Haut blass und trocken, wie eine Schlammpfütze, die im Sommer nach mehreren Wochen ohne Regen zu einem Nichts getrocknet ist.« Mam und Pop bleiben zurück, die Fahrt geht los, Kaya kotzt die gesamte Reise kübelweise das Auto voll, alles und jeder stinkt nach Kotze. Leonies Freundin Misty lotst die Familie zuerst zu einer abgelegenen Farm, eine Drogenküche für Ecstasy. Sie kauft heimlich Drogen, doch Jojo bekommt es mit, entdeckt die Drogenwerkstatt, skurrile Typen, bedrohlich, durchgeknallt bis hin zum Kind. Es geht weiter zum Haus von Michaels Anwalt, hilfsbereit, halbseiden, auch er nimmt Drogen. Am nächsten Tag fahren sie zum Gefängnis und die Reise geht zurück mit Michael an Bord. In der der Geschichte geht es um Rückblicke, Gedanken während der Fahrt. Multipersonal berichten die Protagonisten, sowie zwei Ahnen- Geister vom Geschehen, blicken zurück in ihr Leben. Leonies Bruder Given, ein aufstrebender Leistungssportler, wurde von Michaels Cousin rücklings erschossen. Michaels Vater, damals noch Sheriff befand lediglich, er sei ein Idiot, »Es ist nicht mehr wie früher.« Aber klar doch: Der Cousin wird nämlich nicht verurteilt. »Dies hier’s Giersch. Nicht als Medizin geeignet, aber du kannst ihn kochen wie Spinat. Sind viele Vitamine drin, is also gesund. Dein Daddy mag ihn gern gedünstet, mit Reis, und er sagt, seine Mama hat aus den gemahlenen Samen Brot gebacken.« Leonie versucht sich zu erinnern, welches Kraut gegen Übelkeit helfen könne, sucht an der Straße entlang, denkt an die langen Spaziergänge durch den Wald mit Mom, die alle Kräuter kennt, ihr versuchte, das Wissen weiterzugeben. Pop, der sich in jungen Jahren abrackerte, angekettet an die Mitgefangenen auf den Baumwollfeldern der Parchman Farm, dem Staatsgefängnis von Mississippi, Leonie und Michael, der als Arbeiter das Unglück der Deepwater Horizon traumatisiert überlebte, Leonies Freundschaft zu Misty. Der Leser dringt ein in Familie, Gesellschaft, Konflikte, lernt die Ahnen kennen, einschließlich ihrer magischen Geister und Götter. Denn auch Geister kommen zu Wort, verstorbene Ahnen, die nach dem Vertrauen der Protagonisten unter ihnen weilen, sie beschützen. »Die Form stimmt, aber die Einzelheiten sind ausradiert.« Jesmyn Wards Sprache ist bildhaft, metapherhaft und außerordentlich präzise und detailliert, wenn es um die Figuren geht. Mit viel Empathie und großer erzählerischer Kraft lässt sie ihre Figuren handeln, leiden, in die Zukunft blicken. Die schwarz-amerikanische Autorin erhielt 2011 für »Vor dem Sturm« den »National Book Award« und wurde als erste Frau ein zweites Mal mit dem Preis für dieses Werk ausgezeichnet. Alles wird gut. »Weil wir nicht auf geraden Wegen gehn. Alles passiert gleichzeitig. Alles. Wir sind alle gleichzeitig hier. Meine Mama und Daddy und ihre Mamas und Daddys.« Zurück zu Liste Rezension zeitgenössische Literatur Literaturblog Sabine Ibing
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Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt von Jesmyn Ward