© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben zeitgenössische Romane Rezension Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn »Es hieß, das Arbeitsamt habe sie als Zivilisten in diesen Kriegsdienst geschickt, den zu verweigern nicht zulässig war.« Der Titel entnommen dem persischen Dichter »Dschalal ad-Din Muhammad Rumi«, bezieht sich auf das Innenleben des Protagonisten Albert. Albert spielt Aladdin und irgendwann übernimmt Aladdin im Kopf die Führung, drängt Albert fast hinaus. Albert, ein junger Journalist, der Auftragsarbeit erledigt, von der er kaum leben kann, soll sein BAföG zurückzahlen. Ein Flyer fällt ihm in die Hände und er meldet sich als Statist für ein Ausbildungscamp der Bundeswehr, den Afghanen zu mimen. Andere sind unfreiwillig dort, die schickt das Arbeitsamt, sie müssen dorthin, ansonsten würden die Bezüge gestrichen. In einem bayrischen Trainingscamp werden Soldaten für ihren Einsatz in Afghanistan ausgebildet. Soldaten leben in einem Dorf zusammen mit »Einheimischen«. Albert ist nun Aladdin, der ein Café am Dorfausgang der Stadt betreibt. Hin und wieder »stirbt« Aladin bei einer der täglichen Übungen. Diese Camps gibt es wirklich. »... der Supervisor stört sich nicht an meinen Büchern, solange er mich oft genug fegen und durch den Ort laufen sieht. Nur den Frauen ist das Lesen verboten. ... Ich sehe sie geisterhaft durch das Straßenbild ziehen, unter blauen Stoffbahnen, in Paaren oder hinter den Männern, mit denen der Supervisor sie verheiratet hat.« Die Statisten tragen ein Sensorgeschirr am Körper, das anzeigt, ob sie getroffen sind und es zeigt auf, wo sie sich aufhalten. Es herrscht Krieg, Bomben fliegen, es wird geschossen, Überwachung zu jeder Sekunde, Dorfleben versetzt in die afghanische Welt. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt kein Gehalt, wird sofort rausgeschmissen. Der Einsatz ist nach sechs Wochen beendet und Albert darf nach Hause gehen. Doch etwas ist mit ihm geschehen. Weder findet er Zugang zu seiner Freundin, noch klappt der Schritt in die Realität. Aladdin begleitet Albert, er wirft sich auf den Boden, als ihn an einem Grillabend Fotoblitze treffen. Aladdin steht im Schatten von Albert, wird immer größer, bis er an manchen Stellen die Kontrolle im Kopf übernimmt. Dann ist Albert Aladdin. »Es läuft gerade nicht so gut, wir wissen es beide. Ich soll endlich anfangen, verlangt sie von mir. Alles Aufschreiben und Aladdin loswerden, damit er nicht mehr zwischen uns steht.« Gedanken an das Lager, Gedanken an Aladdins Heimat, wo er eine Aprikosenplantage besaß, Aladdin, der einen Asylantrag stellt. Dazwischen Fussball-WM, Ebola, die Realität, Albert, der seine Beziehung retten möchte, arbeiten will, aber nicht kann. Zwei Vögel in einem Kopf, vier Flügel, die nicht fliegen können. Albert, eine fragile Persönlichkeit, ein junger Mann, der unter der Perspektivlosigkeit seines Jobs als Journalist leidet, glaubt, es nie zu etwas zu bringen. Seine Freundin, die nicht einmal einen Namen bekommt, übt Druck aus, ein Leben, das schwer für ihn zu bewältigen ist, überall Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Albert flüchtet sich in die Person Aladdin, die bipolare Störung nimmt ihren Lauf. Aber auch Aladdin ist letztendlich nicht die Option. Aladdin und Albert sind eins. Aladdin bewirbt sich in einem Anschreiben bei der Bundesregierung: »Meine organisatorische Stärke, Ausdauer und Risikofreude konnte ich während meiner Flucht in Ihr Land unter Beweis stellen. Ich bin diszipliniert und verhandlungserprobt, arbeite eigenständig und gerne im Team. Fundierte Kenntnisse im Umgang mit Hierarchien, eine solide Duldsamkeit sowie sehr gute Sprachkenntnisse (Paschtu, Dari, Englisch und Griechisch) runden meine Kompetenzen ab.« Hier spricht Albert, der dem Druck der Gesellschaft nicht standhalten kann als Aladdin. Der sensible Albert flieht in das Dorf um Ruhe zu haben, um schreiben zu können. Doch im Krieg gibt es keine Ruhe. Aus meiner Sicht haben wir es mit einer schleichenden Depression zu tun, die Albert vor seinem Camp nicht bewusst war. Den psychisch angeschlagenen Albert, der nicht schreiben konnte, sucht hier den Ort der Inspiration. Doch wo der Kopf leer ist, kann nichts entstehen. Im Gegenteil, die Vorstellung,  sich im Krieg zu befinden, völlig überwacht, von Kriegsgeballer umgeben, zieht ihn richtig runter. Zurück in der Normalität sucht er den Ausweg in Aladdin. Aladdin zu sein, ihn zu begreifen. Als Aladdin neu anzufangen, den Erwartungen zu entsprechen, die die Welt von ihn stellt. Letztendlich fehlt mir bei diesem Buch die  Konsequenz: Aladdin übernimmt. Auf der einen Seite hat mir das Buch gefallen, doch am Ende lässt es mich ratlos stehen. Was ist die Quintessenz? Ich weiss es nicht. Ein gutes Buch, aber für mich nicht der große Wurf. Zurück zu Liste Rezension zeitgenössische Literatur Zurück zu Liste alle Rezensionen
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