© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der Anfang: »Wir schreiben das Jahr achtzehnhundertunddreißig nach der Geburt unseres Herren. Mein Vater lebte auf einem Bauernhof und er hatte vier Töchter und ich bin die, die als letzte geboren wurde.« Zum Inhalt des Buches könnte man sagen: Kennen wir, die Geschichte ist schon 100 Mal erzählt worden. Ja das stimmt. An diesem Buch berührt die Sprache, die unter die Haut geht, auch wenn wir gleich wissen, wie es ausgehen wird. Nell Leyson baut eine düstere Atmosphäre des ländlichen Englands auf: Menschen, die im Dunkeln das Haus verlassen, im Dunkeln nachhause kommen, Kerzenlicht flackert. Man redet nicht viel bei der Arbeit, auch nicht zu Hause, denn wer redet, arbeitet nicht. Mary, die Icherzählerin plappert gern, so wie ihr Opa. Der Vater ist ein grobschlächtiger Mensch, brutal, verprügelt die ganze Familie, einschließlich dem Großvater. Die Mutter ist nicht besser, völlig empathielos. Lediglich Mary kümmert sich um den Alten, wäscht ihn, bringt ihn ins Wohnzimmer, kleidet ihn an, füttert ihn. »Hallo Großvater, sagte ich, hattest du einen schönen Tag? Einen schönen Tag? fragt die Mutter. Der hat da auf dem alten Stuhl gesessen der alte Faulpelz. Er ist nicht faul, sagte ich. Er kann doch gar nichts anderes tun als dasitzen. Seine Beine können ihn jedenfalls nirgendwo mehr hintragen. Der ist zu so wenig nütze dass er genausogut tot sein könnte, sagte sie.« Mary wird während der Geschichte 15. Sie leidet unter der herzlosen Art ihrer Familie. Der Himmel ist ständig grau, im Haus ist es oft stockdunkel, die Arbeit ist hart, das Essen karg. Kälte zieht durch das gesamte Buch. Nur der Großvater strahlt Wärme aus, Humor. Aber auch er ist wehrlos. Wehrlos ist die Schwester, die sich vom Pfarrerssohn schwängern lässt, der alles abstreitet. Einer Bauerntochter würde man nicht glauben, so behauptet die Familie, die Mutter habe endlich, verspätet, den ersehnten Sohn bekommen. Mary ist ungebildet, aber in ihr schlummert Intelligenz. Der Pfarrer sucht eine weitere Kraft für das Haus und die Pflege seiner kranken Frau. Mary muss gehen, keiner fragt sie nach ihren Wünschen. Der Pfarrer ist erstaunt über die Antworten, die Mary gibt. Wozu muss man die Uhr lesen können, die Sonne zeigt dir, wann du aufstehst, ins Bett musst, der Hunger, wann es Zeit ist zu essen, auch die Tiere kommen gut ohne Uhr zurecht. Mary ist im Spätsommer geboren, gleich nach der Gerstenernte. »Sie haben so viel gegessen, sagte ich, wie unser Schwein am Morgen. Er lächelte. Mary, sagte er, gestatte, dass ich dir einen Rat gebe. Vergleiche deinen Arbeitgeber nicht mit einem Schwein. Oh, sagte ich. Ich wollte nicht unhöflich sein. Wir haben unser Schwein alle sehr gern. Trotzdem sollte dein Arbeitgeber in der Hierarchie deines Lebens über dem Schwein stehen. … Menschen und Tiere sind ziemlich verschieden. Gar nicht mal so sehr find ich, sagte ich. Es gibt Dinge die beide tun, das ist genau dasselbe.« Mary hat ihre eigene logische Sicht der Dinge, die Welt zu sehen, und sie ist erbarmungslos ehrlich. Eine Eigenschaft, die den Pfarrer amüsiert, auch seine Frau. Die Frau schwächelt sehr, sitzt tagsüber im weißen Zimmer, Mary betreut sie. Anfangs muss sich Mary an das Haus gewöhnen, sie sucht ständig nach Arbeit, aber hier geht alles langsam vonstatten, die Arbeit ist nicht so anstrengend, es herrscht Warmherzigkeit. Trotzdem plagt Mary das Heimweh. Der Pfarrer fängt an, Mary schreiben und lesen beizubringen. Sie kann sich eigentlich nicht beschweren, doch sie fängt an zu denken, über das Gute, das Schlechte, die Freiheit. »Du hast hier eine gute Stelle. Das ist keine Stelle. Ich werde nicht bezahlt. Man hat mir nur gesagt dass ich herkommen muss und hier wohnen und hier arbeiten statt zu Hause. Dein Vater bekommt Geld für das was du hier tust. Ich aber nicht.« Alles wird gut. Nein wird es nicht, der Roman endet tragisch. Aber das ahnt der Leser von Anfang an. Am Ende kann Mary lesen und schreiben, schreibt ihre Geschichte. Kein Wort ist hier zu viel, keins zu wenig. Verdichtete Sprache, verdichtetes Erzählen, ein Sog entsteht beim Lesen. Ein kleines Buchformat, nur 200 Seiten, aber so großartig in der Sprache, ein Kunstwerk. 600 Seiten hätten nicht mehr erzählt, aber wahrscheinlich die Dichte der Atmosphäre nicht herüberbringen können. Härte, Grau, Verzweiflung, Dunkelheit, gefangen sein von der herrschenden Klasse, von Männern. Eine dunkle Zeit in der Geschichte, eine dunkle Zeit für die Armen, für die Frauen und besonders für die armen Frauen. Ein Buch, das man nicht verpassen sollte! »Redest du nicht mehr mit mir? fragte er. Ich verlange dass du mit mir redest. Und dann drehte ich mich zu ihm um. Sie verlangen es? fragte ich. Ich verlange es, ja. Kann sein dass Sie für mich bezahlen, sagte ich, und Sie können mich auch zwingen hier zu bleiben aber sie können nicht alles von mir verlangen was Ihnen gerade einfällt.« Nell Leyshons erster Roman »Black Dirt« stand auf der Longlist des »Orange Prize« und auf der Shortlist des »Commonwealth Prize«. Ihre Theaterstücke und Hörspiele erhielten ebenfalls zahlreiche Auszeichnungen. Für ihren zweiten Roman »Die Farbe von Milch« wurde sie neben James Salter und Zeruya Shalev für den »Prix » nominiert. Nell Leyshon wurde in Glastonbury geboren und lebt in Dorset. Zurück zu Liste Rezension zeitgenössische Literatur Zurück zu Liste alle Rezensionen
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben zeitgenössische Romane Rezension
Die Farbe von Milch von Nell Leyshon
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