© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der erste Satz: »Ich war stark und er nicht, also bin ich und nicht er in den Krieg gezogen, um die Republik zu verteidigen.« Ein Roman über den Sezessionskrieg, den Bürgerkrieg der Vereinigten Staaten, 1861-1865. Die Protagonistin ist Constance, die mit ihrem Mann Bartholomew auf einer Farm in Indiana lebt. Aus jeder Familie soll ein Mann in den Krieg ziehen. Doch Bartholomew ist zu schwach und Constance bricht auf, verkleidet als Mann, nennt sich nun Ash. Geschichtlich ist es bewiesen, es gab Frauen, die in diesem Krieg als Männer verkleidet gekämpft haben, nicht nur die unzähligen Frauen, die als Krankenschwestern oder in anderer humanitärer Weise unterwegs waren. Durch Berichte von USSC- und WRSCS-Mitarbeiterinnen weiß man heute, dass es in beiden Armeen kämpfende Frauensoldaten gab, schätzungsweise 750. Mary Livermore von der USSC vermutete bereits während des Krieges, dass circa 400 Frauen als Männer verkleidet in der Unionsarmee kämpften und circa 60 von ihnen getötet oder verwundet wurden. Laird Hunt hat die Briefe der Kämpferinnen gelesen. Für diesen Roman recherchierte er und las sich in die Ereignisse aus Sicht der Kämpferinnen ein. In der Familie von Constance hielt man nicht die andere Wange hin, schon gar nicht die Frauen. Zunächst geht es in die Ausbildung, als Rekrut, danach wird in die Kriegsrichtung marschiert. Beim ersten Kanonengrollen hauen einige Soldaten ab in die Büsche, rennen schlotternd zurück nachhause. So nicht Ash Thomson. Ash kann klettern wie ein Eichhörnchen und erlegt auf der Jagd Eichhörnchen mit einem Schuss durch das Auge. Ash ist galant, legt einer Frau am Wegesrand ihre Jacke um die Schulter, denn ihr Oberteil war verrutscht durch übergriffige Soldaten. Man spinnt das Ereignis in eine Erzählung ein, sie wird weitergegeben, in Lider verpackt, Constance geht als »Kavalier Ash« in die Kriegsgeschichte ein. Dem Colonel gefällt der mutige Kerl. »So, wie es dargestellt wurde, hätte man am liebsten dabei sein wollen …, sich geradewegs aus der Hose schießen lassen, nur um in die Geschichte einzugehen.« Was anfangs wie ein netter Ausflug mit Jagdanteilen losgeht, gräbt sich Stück für Stück ins Kriegsgeschehen ein, die Schlachten rücken näher. Eine brenzlige Geschichte, aus der sich Ash befreien kann, Kämpfe, Kanonengewitter, Schüsse, Tote, Verletzte, Schreiende, Amputationen. Immer mehr Soldaten werden verletzt, getötet, andere suchen vor Schreck das Weite. Der Krieg ist kein Abenteuer. »Tote und beinah Tote allenthalben, rechts, links und vorn und hinten.  … Ein oder zwei, die ihre Augen noch aufbekamen, haben mich um Wasser gebeten. Ich war selbst kurz vor dem Verdursten, und hätte ich auch nur einen Tropfen Wasser bei ihnen gefunden, hätte ich ihn für mich gestohlen.« Ash wird verwundet, von der Krankenschwester Neva Thatcher aufgenommen, gepflegt. Neva verliebt sich in Ash, will sie nicht gehen lassen. Als Ash aufbricht, verrät sie die Freundin. Und alles was nun kommt, wird noch viel schlimmer, Verrat über Verrat. Ash ist einsam, muss ihre Identität die ganze Zeit verstecken. Doch es ist durch die Blume klar, dass der ein oder andere über ihre Identität Bescheid weiß, wie der Colonel, den Ash verehrt. Ash schreibt ihrem Mann oft, er schreibt zurück, sie hält Zwiegespräche mit ihrer toten Mutter, ist der einsamste Mensch auf der Welt. Von dieser Position heraus ist der Roman geschichtlich, aber er ist kein Geschichtsroman. Warum fand der Krieg statt? Um die Sklaverei zu beenden. Mehr wird nicht erwähnt, keine Jahreszahl, keine Schlachtdaten, politische Ereignisse, es fehlen jegliche Eckdaten. Aber darum geht es nicht in diesem Buch, es geht um das Leid des Krieges, der Zivilisten, der Soldaten. Die Icherzählerin zieht den Leser hinein in ihre Gefühle, in den Schrecken des Krieges. Einsamkeit und Verrat auf mehreren Seiten, Ash, bzw. Constance durchlebt die Hölle. Und die Geschichte endet mit dem Anfang: Sie ist stark und er ist schwach. »Denn er war aus Wolle und ich aus Draht.« »Jedenfalls weiß ich, dass meine Mutter Beine aus Eisen hatte, lange Beine, die nackt immer ausgesehen haben, als würden sie fest und federnd auf dem Grund eines reißenden Bachs stehen.« Rund 580 000 Soldaten haben in diesem Krieg ihr Leben gelassen, während ihre Frauen versuchten, auf den Farmen das Leben aufrecht zu halten. Der Sezessionskrieg ist selten Thema in Romanen, am bekanntesten ist »Vom Winde verweht«. Diese Geschichte ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, kitschfrei, inklusive Wendungen, mit denen der Leser nicht rechnet. Spannend ist auch die Sprache, hart burschikos, der Soldat Ash und weich, anrührend poetisch ist Constance. Für mich ist dieser Roman ein sprachliches Meisterwerk. Auch wenn man nicht auf Historisches steht, sollte man an diesem Buch keinesfalls vorübergehen. Es ist eins der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Laird Hunt ist amerikanischer Schriftsteller, dessen Romane mehrfach für den Pen/Faulkner Award nominiert waren. Er arbeitete als Pressereferent bei den Vereinten Nationen und unterrichtet heute Creative Writing an der Universität von Denver. Zurück zu Liste Rezension historische Romane Literaturblog Sabine Ibing
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