© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
»Ich scheiße auf alle Väter, die uns ein solches Leben eingebrockt haben« »Benjamin und seine Väter« von Herbert Heckmann ist im Jahr 1962 erschienen und im Rahmen des Frankfurter Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch 2017“ vom Schöffling Verlag neu aufgelegt worden. Heckmann war von 1984-1996 Präsident der »Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung« und gehörte er zu den wichtigen Figuren des damaligen Literaturbetriebs. »›Wieviel Väter hast du eigentlich insgesamt?‹ – ›Keinen einzigen‹, stotterte Benjamin und drückte seine Füße aneinander.« Es ist die Geschichte von Benjamin, dessen Drama es ist, seinen Vater nicht zu kennen. Heckmann nimmt den Leser mit in die Weimarer Zeit, des Frankfurts der 20er Jahre, lässt uns aus Sicht des Jungen die Welt erklären. Die Mutter, schwanger, verlassen von ihrem Liebhaber, wird in Hanau vom Vater aus dem Haus gejagt, immerhin, zahlt er ihr vorweg das Erbe aus. In der legendären Bergerstraße, Frankfurt Bornheim, bezieht sie eine Wohnung, die ihr Chef, der Anwalt Dr. Friedrich Bernoulli, der sich Jonas nennt, »wog … zweihundertachtzig Pfund und maß in der Länge einen Meter fünfundachtzig«, ihr in einem seiner zwei Mietshäuser zur Verfügung stellt. »Ist Amerika so weit weg wie der Mond? Wenn ich die Bergerstraße entlanggehe bis zur Hauptwache und dann weiter bis zum Feldberg, hört dann schon die Welt auf? Ist eigentlich die Hölle direkt unter uns? … Du bist doch mindestens hundert Meter groß. Ich werde tausend Jahre alt.« Bernoulli selbst wohnt unter dem Dach, ist Anna sehr zugetan, sorgt für sie, übernimmt die Erziehung von Benjamin. Die Alleinerziehende hat es nicht einfach in der bürgerlichen Welt, denn die Menschen lassen sie und ihren Sohn spüren, wie unschicklich ihre Lebenssituation ist. Da beschimpft ein Klassenkamerad Benjamin als Hurensohn und der Junge, wissbegierig, will vom Lehrer wissen, was denn eine Hure sei. Eine Hure sei eine Künstlerin, erklärt ihm dieser. Anna beantwortet selten die Fragen zum Vater, »er sei ein junger Leutnant gewesen mit einem stacheligen Schnurrbart, aber schon wenig später sprach sie von einem Bankier, der mit Orchideen erklärte, sie niemals zu enttäuschen, dann war es ein in vergangenen Zeiten heimischer Gelehrter, ein gutgekleideter Pferdeliebhaber mit Ahnenpflichten.« Jonas ist sehr um Anna und den Jungen bemüht, nimmt die Vaterrolle bei Benjamin ein. Wir erleben die Welt aus der Sicht von Benjamin, der mit seinen Freunden Baron, Popel, Franz und Gogo einige Streiche ausheckt. Immer wieder fragt der Junge nach seinem Vater und erhält häppchenweise von der Mutter Informationen, die ihn zu spekulativen Fantasien anregen. Auf jeden Fall war der Vater ein Held. Ein Clown vielleicht? Jonas ist die Vaterfigur und auch Don Quijote, der Held des ersten Buchs, das Benjamin von Jonas erhielt. Don Quijote, ein wenig Clown, ein wenig Ritter, einer von der traurigen Gestalt. Benjamin soll ein Buch nach dem anderen studieren. Jonas fragt ihn: »wie ›Der Idiot‹ denn war. … Über seinem Kopf thronten die Werke von Jean Paul. Es sah aus, als würde er sie balancieren. Die Wahrheit war, dass Benjamin sich aus der Welt der Erwachsenen ausgestoßen fühlte, aus der Welt der vorausberechenbaren Taten, aus der Welt der rot unterstrichenen Zeitungsmeldungen, aus der Welt der Steuern und Unverständlichkeiten. Es war die Welt – das wusste Benjamin –, in der Ehen geschlossen wurden.« Auf der Suche nach seinem Vater, nach seiner Identität, ist ihm in der Realität der gute Freund Jonas eine Stütze, er fördert die Bildung des Jungen. Anna bringt den ein oder anderen Mann nach Hause, der vielleicht ein neuer Vater werden könnte, doch lange hält keine Beziehung an. Jonas, der Anna heiraten möchte, wird freundschaftlich vertröstet. Benjamin fühlt sich in seiner Unwissenheit um seinen Vater betrogen: »Sein Hass war soweit gegangen, dass er selbst beim Vaterunser für einen Moment innehielt.« Interessant ist die Erzählperspektive, die zwischen einem auktorialen Erzähler und Benjamin als Erzähler abwechselt. Spricht der väterliche Jonas zu Benjamin, hält er gern Vorträge, bedient sich der Sprachen Latein und Griechisch. Hier spricht der gebildete Erwachsene über die Zeit. Die gesamte Sprache besitzt natürlich einen hessischen, ein Frankfurter Unterton. Auch wandert man gern mit Benjamin durch die Gassen. Die kindliche Naivität beschreibt eine Zeit, die immer bedrohlicher wird, Aufmärsche der Rechten, Repressalien gegen Juden. Und genau diese infantile Sicht der Dinge, die Streiche der Jungen, macht den Charme dieses Buchs aus, Bornheim, Berger Straße, Kleinmarkthalle, der Appetit des Jungen. »Das Haus in der Bergerstraße 57 wurde ein Haus mitleidigen Getuschels. Besonders Frau Wiegel nahm sich Benjamins an, wo sie ihn auch immer sah, ja sie lauerte auf ihn und verschenkte gar den roten Schal ihres Verblichenen.« Die Mutter verstirbt bei einem Unfall, Jonas übernimmt die Vormundschaft. Aber auch Jonas verstirbt. Die Beerdigung findet am 30. Januar 1933 statt. Eine neue Zeit beginnt. Benjamin verliert den besten Freund nach Amerika, den Juden Max, fast endet hier dieser Roman. »Gott, wenn du das alles gelesen hast, wirst du ganz dumm sein und schlecht. Bücher lügen wie gedruckt …« Herbert Heckmann ist 1999 verstorben. Und es ist gut, dass man ihn nicht vergisst, mit dieser Neuauflage an ihn erinnert. Allerdings, wer hier eine Auseinandersetzung mit der NS-Frage erwartet, erhofft sich zu viel. Benjamin berichtet, er sieht, aber er teilt sich uns in dieser Frage nicht mit. Der Untergang des Kaiserreichs und Machtergreifung Hitlers aus kindlicher Sicht, völlig unpolitisch, die Darstellung der Aufmärsche als kabarettistische Inszenierung. Es ist für mich nicht ganz nachzuvollziehen, warum uns Benjamin gänzlich all seine Gedanken zu seinem vermeidlichen Vater mitteilt, aber die Erlebnisse auf der Straße, in der Schule, ihm anscheinend nicht nahegehen. Der Nachbar, der herumschreit, »Versailles ist doch eine nationale Schande!«, der Kommunist, der auf der Gasse zusammengeschlagen wird, es wird berichtet, mehr nicht. In der Schule machen die Schüler einen Bogen um Benjamin, da man behauptet, Jonas sei ein Vaterlandsverräter. Ja, sogar den Verlust des Freundes, der Jude, der nach Amerika auswandern muss, nimmt Benjamin gedankenlos hin. Wir hören seine Erkenntnisse zur schweren Literatur, die ihm Jonas zu lesen gibt, aber zeitgeschichtliche Eindrücke werden ausgespart. Und der Roman endet kurz nach der Machtergreifung, mit dem Eintritt Benjamins ins Erwachsenenleben. Das Buch ist erstmals 1962 erschienen, wohl Ende der Fünfziger geschrieben worden. Dies war eine Zeit des kollektiven Schweigens. Nicht erinnern, nichts wissen, nichts sagen, sich nicht damit auseinandersetzen, das Aussparen einer schrecklichen Zeit, zu tief sitzt die Schuld. Wenn man das Buch zeitgeschichtlich, also von der Zeit der Veröffentlichung, betrachtet, passt es genau ins Konzept des kollektiven Mauerns. »Benjamin, der gerade fünfzehn Pfennige in der Tasche hatte, die er von Popel für einige amerikanischen Briefmarken erhalten hatte, die wiederum von den Kuverts eines Bruders von Jonas stammten, der in der neuen Welt auch nicht sein Glück machte, Benjamin, der, während seine linke Hand nach den Geldstücken in der Hosentasche tauchte, dachte, dass er ein schlechtes Geschäft gemacht habe und mit zwanzig Pfennigen sicher mit fünf Pfennige hätte mehr kauen können, als so nun Benjamin überlegte, dass er zweifellos kein Huhn, geschweige denn einen Hahn oder ein Hähnchen erstehen konnte – und da er sich ach all dem getrieben fühlte, überhaupt etwas zu kaufen, sagte er zu dem Händler, er wolle das Herz eines Hahnes, und reichte sein Geld über die Theke.« »Ei gude wie.«, das Buch ist eine Hommage an Frankfurt, an die hessische Küche, die hessische Sprache und wer es immer noch nicht lesen mag, ist selbst schuld. Den Roman kann man auch in einer ungekürzten Autorenlesung aus den 90er Jahren als Hörbuch in typisch Frankfodderisch erleben. Zurück zu Liste Rezension zeitgenössische Literatur Zurück zu Liste alle Rezensionen
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Benjamin und seine Väter von Herbert Heckmann
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