© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben  Sachbücher  Rezension       Isch geh Schulhof: Unerhörtes aus dem  Alltag eines Grundschullehrers   von Philipp Möller   Klappentext: Heute ist Klassenausflug. Bowlen - damit die Kinder sich endlich mal so richtig austoben können. Als ich den Klassenraum betrete, stürmen die ersten schon auf mich zu. "Herr Mülla, iebergeil!", ruft Ümit. "Isch mache Strike, ja? Schwöre,schmache eine Strike!" Mit wilden Bowling-Trockenübungen steht er vor mir. Wenn er nachher tatsächlich so bowlt, nehme ich mir besser einen Helm mit. Aushilfslehrer? Ein lockerer Job, denkt Philipp Möller - bis zur ersten Stunde in seiner neuen Klasse: Musikstunden erinnern an DSDS, hyperaktive Kids flippen ohne ihre Tabletten aus und zum Frühstück gibt es Fastfood vom Vortag. Möllers Geschichten aus dem deutschen Bildungschaos sind brisant und berührend, und dabei immer wieder urkomisch.    "Du kommst dir vor wie ein Dompteur oder wie im Jugendknast", sagt Möller, "weil du ständig sagen musst, es reicht, Schluss jetzt, setz dich hin, hör auf, deinen Nachbarn zu schlagen!'" Möller, eigentlich Dipl. Pädagoge unterrichtete zwei Jahre an einer Berliner Grundschule. Er erwähnt mehrfach, er sei ja kein ausgebildeter Lehrer, macht seine Sache aber ganz gut. Dabei vergisst er allerdings auch zu erwähnen, dass er als Dipl. Pädagoge weit mehr Pädagogik, Psychologie und Didaktik in seinem Studium genoss, als ein ausgebildeter Lehrer, der fast ausschliesslich sein Fachwissen über Deutsch, Erdkunde usw. studiert. Ein Dipl. Päd wird als Lehrer ausgebildet, allerdings in der Erwachsenenbildung.Die Kinder auf dieser Schule entstammen fast ausschließlich bildungsfernen Elternhäusern und bekommen von daheim keine Regeln oder Vorbildrollen vermittelt. Manche Mutter liegt schon am frühen Nachmittag betrunken auf dem Wohnzimmersofa. In deutschen „Familien“ fehlt meist der Vater, in Migrantenfamilien sind sie der strenge Patriarch. Eine Mehrheit der Kinder spricht schlecht Deutsch, eine Familie lebt mit 8 Kindern in einer Zweizimmerwohnung. Die meisten Eltern beziehen ihr Geld vom Amt. Kurzum: Die familiären Verhältnisse sind desaströs, und die Klasse spiegelt diesen Hintergrund wieder, alles Hilfeempfänger.Möller schildert glänzend, wie unser Bildungssystem versagt, warum es nicht funktionieren kann. Er stellt seine Schüler als liebenswürdig dar, trotz aller Defizite und Aggressionen. Genau das macht dies Buch so liebenswert. Hier wird niemand verurteilt, sondern das System. Frontalunterricht passt nicht in unsere Gesellschaft, etwas das ich seit 30 Jahren propagiere. Geändert hat sich nichts. Berlin ist sicher ein Extremfall. Ich kenne andere Problembezirke in Deutschland, wo wir ähnliche Problematiken haben, allerdings nicht in diesem Ausmass. Trotz allem ist die Politik nicht in der Lage, die Strukturen in den Schulen aufzulösen, die Lehrerausbildung neu zu strukturieren, mehr Lehrer einzustellen, gute Alternativen kann man bei anderen abschauen.Mir hat das Buch gut gefallen in seiner Schreibweise und seinem Fingerzeig. Es muss etwas passieren in dieser Republik!Punktabzug aus zwei Gründen: 1. Möller beweihräuchert sich selbst zu viel. Er ist der Oberschlaue, den die Schüler mögen. Unter Lehrern gibt es unbestritten traurige Gestalten, sie sind ja unkündbar. Andere sind im Laufe ihrer Arbeit ausgelaugt, zermürbt. Aber Möller ist nicht der Supermann, als den er sich hier darstellt. Es würde zu weit führen das kurz zu erörtern. 2. Möller erklärt, das System ist gescheitert. Ok. Und wie sähe ein besseres Schulsystem aus, Herr Möller. Ich könnte Sie ihnen geben. Von einem Dipl. Päd. Hätte ich hier ein wenig mehr erwartet!   Zurück zu Liste Rezension Sachbuch  Zurück zu Liste alle Rezensionen